Ein Mann, der beschloss, kein Mensch mehr zu sein – Das außergewöhnliche Experiment von Thomas Thwaites
In einer Welt, die von Terminen, Leistungsdruck und permanenter Reizüberflutung geprägt ist, träumen viele Menschen davon, dem menschlichen Alltag für eine Weile zu entkommen. Doch nur wenige gehen so weit wie der britische Designer und Forscher Thomas Thwaites, der sich eines Tages eine radikale Frage stellte: Was wäre, wenn ich einfach aufhöre, ein Mensch zu sein – und stattdessen ein Tier werde?
Seine Antwort auf diese Frage führte zu einem der ungewöhnlichsten Selbstexperimente der modernen Zeit: Thomas Thwaites versuchte, als Ziege zu leben.
Ein wissenschaftlicher Ansatz zur Flucht aus dem Menschsein
Im Gegensatz zu einer bloßen Fantasie oder Performance ging Thwaites sein Vorhaben äußerst systematisch und wissenschaftlich an. Er arbeitete mit Biologen, Tierverhaltensforschern und Ingenieuren zusammen, um möglichst realistisch in die Rolle einer Ziege zu schlüpfen. Sein Ziel war es nicht, eine Ziege zu imitieren, sondern für kurze Zeit so nah wie möglich wie eine Ziege zu existieren – körperlich, sozial und biologisch.
Zu diesem Zweck entwickelte er ein maßgeschneidertes prothetisches Exoskelett, das es ihm erlaubte, sich komfortabel auf allen vieren fortzubewegen. Die Konstruktion orientierte sich an der Anatomie von Ziegenbeinen und sollte nicht nur Bewegung ermöglichen, sondern auch die Belastung auf Gelenke und Muskeln reduzieren.
Leben in den Schweizer Alpen
Nachdem die technische Vorbereitung abgeschlossen war, reiste Thwaites in die Schweizer Alpen, eine Umgebung, die dem natürlichen Lebensraum von Ziegen sehr nahekommt. Dort schloss er sich einer echten Ziegenherde an – mit dem Ziel, drei Tage und Nächte unter ihnen zu verbringen.
Schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass das Leben als Ziege weit weniger idyllisch war, als er es sich vorgestellt hatte. Die Bewegung auf steilen Hängen, das ständige Suchen nach Nahrung und die permanente Wachsamkeit gegenüber der Umgebung erwiesen sich als körperlich extrem anstrengend.
Das Problem der Verdauung
Eine der größten Herausforderungen war die Ernährung. Ziegen sind Wiederkäuer mit einem hochkomplexen Verdauungssystem. Um diesem Aspekt möglichst nahe zu kommen, entwickelte Thwaites gemeinsam mit Fachleuten einen künstlichen „Magenbeutel“, der es ihm erlauben sollte, Gras zu kauen, es wieder auszuspucken und anschließend im Beutel fermentieren zu lassen.
In der Praxis erwies sich dieses System jedoch als deutlich komplizierter als erwartet. Der menschliche Körper ist schlicht nicht dafür ausgelegt, Gras effektiv zu verdauen. Letztlich musste Thwaites einen Kompromiss eingehen: Er kaute das Gras, sammelte es und bereitete es abends durch Kochen auf, um zumindest einen Teil der Erfahrung nachvollziehen zu können.
Soziale Hierarchien und echte Gefahr
Besonders überraschend war für ihn die soziale Dynamik innerhalb der Herde. Ziegen leben in klaren Hierarchien, die durch Körpersprache, Positionierung und notfalls auch durch Gewalt aufrechterhalten werden. In einem Moment der Unachtsamkeit verletzte Thwaites unwissentlich diese Ordnung.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Ein dominanter männlicher Ziegenbock betrachtete ihn als Bedrohung und versuchte, ihn mit einem kräftigen Stoß anzugreifen. Thwaites befand sich dabei an einem steilen Hang – ein Fehltritt hätte fatale Folgen haben können. Dieser Moment machte ihm schlagartig bewusst, dass er sich nicht in einem symbolischen Experiment befand, sondern in einer realen, potenziell gefährlichen Situation.
Erkenntnisse nach drei Tagen als Ziege
Nach drei Tagen beendete Thomas Thwaites sein Experiment. Sein Fazit war überraschend ehrlich: Das Leben als Ziege war nicht entspannend, sondern extrem ermüdend. Die ständige körperliche Anstrengung, das Fehlen von Komfort und die permanente Anpassung an Umwelt und Gruppe forderten ihren Tribut.
Gleichzeitig gewann er jedoch eine neue Perspektive auf das Menschsein. Er berichtete, dass er sich nach seiner Rückkehr erleichtert fühlte, wieder Mensch zu sein – mit all den Sorgen, aber auch mit den Möglichkeiten, die das menschliche Leben bietet.
Mehr als nur ein kurioses Experiment
Das „GoatMan“-Projekt von Thomas Thwaites war letztlich mehr als eine skurrile Geschichte. Es war ein künstlerisch-wissenschaftliches Experiment, das Fragen nach Identität, Natur, Technologie und unserem Verhältnis zu anderen Lebewesen aufwarf.
Es zeigte, wie stark der menschliche Körper und Geist an ihre eigene Lebensform gebunden sind – und wie romantisiert unsere Vorstellungen von einem „einfacheren Leben“ oft sind.
Am Ende kehrte Thwaites nicht nur als Mensch zurück, sondern als jemand, der das Menschsein bewusster schätzte als zuvor.




